Bulgarien, Postkarten
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Der Fluch des verlassenen Buzludzha Monuments

Trotz der Kälte lasse ich die Kaputze von meinen Haaren gleiten und lege den Kopf in den Nacken. Ich starre gegen die Nebelwand, in der sich die Turmspitze des Buzludzha Monuments verliert und kriege vor Staunen den Mund nicht mehr zu. Die Atemwolke wabert vor meinen Augen, während ich langsam einen Schritt vor den anderen setze, vorsichtig, denn die Stufen sind vereist. Vor mir, auf der Spitze des Chadschi Dimitar, liegt ein Raumschiff.

Buzludzha UFO in Bulgarien

Buzludzha UFO in Bulgarien

Buzludzha UFO in Bulgarien

Buzludzha UFO in Bulgarien

Wie alles begann – Die Geschichte des Buzludzha.

Die Mauern des Monuments sind mit Graffitis bedeckt. „Communism“ prangt in dem Schriftzug Coca-Colas an der Wand neben dem verbarrikadierten Haupteingang und verspottet die Bedeutung des Wortes. „Never forget your past“ – Vergesse nie deine Vergangenheit. Gleich daneben feuern eingemeißelte Slogans die Arbeiternation zu Ruhm und Ehre an. Hier prallen zwei Welten aufeinander. Die Vergangenheit und die ernüchterte Gegenwart, aber zugleich auch die zwei Meinungsbilder im Land. „Tatsächlich verurteilt die eine Hälfte die Vergangenheit und will sie totschweigen. Die andere Hälfte des Landes aber sehnt die alten Zeiten zurück.“

Anfang der Achtziger Jahre ließ die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Bulgariens an dieser Stelle, an der knapp 100 Jahre zuvor bulgarische Aufständische gegen die osmanischen Herrscher für ihre Unabhängigkeit kämpften, ein Monument errichten. Das Buzludzha Monument. Dieses 7 Millionen US$ teure Gebäude wurde lediglich einmal zur Pateitagung genutzt. Seitdem befindet es sich, nicht zuletzt aufgrund des Desinteresses der Verantworlichen, im Verfall und wacht als Relikt der kommunistischen Ära des Landes wie ein Mahnmal in 1400 Meter Höhe auf der Spitze des Chadschi Dimitar.

Buzludzha Monument | Prints available. Contakt me here info@happytravelsouls.com

Buzludzha Monument | Eine Zeitreise © Happy Travel Souls

Buzludzha UFO in Bulgarien

Buzludzha UFO in Bulgarien | Eine Zeitreise © Happy Travel Souls

Wir waren Eroberer

Langsam umrunden wir das UFO. Der Nebel behindert die Sicht, die Spitze des mehrstöckigen Turms des Monuments ist nur schwach wahrnehmbar. Auf dem grauen Beton leuchten die kritischen Grafittis wie Kunstwerke aus Neonlichter und machen das Monument zu einer Ausstellung unter freiem Himmel.

Buzludzha UFO in Bulgarien

Buzludzha UFO in Bulgarien

Ich fühle mich wie ein Entdecker, mein Magen schlägt Purzelbäume und ich kann es kaum erwarten, die Bilder des Auditoriums aus dem Netz mit der Wirklichkeit zu vergleichen. Andy führt uns zu einer kleinen Öffnung an der Seite des Gebäudes, durch das wir uns hindurchzwängen, während er sich mit den Worten „Ich treffe euch dann in einer Stunde unten an der Straße. Immer dem Pfad folgen, so 500 Meter.“ verabschiedet. Aber wir achten schon gar nicht mehr auf ihn. Einer nach dem anderen zieht sich an dem Kupferrohr in das Innere des Gebäudes.

Während wir am Eingang noch unsere Taschenlampen anknipsen und die Umgebung erkunden, hören wir über uns die ersten erstaunten Ausrufe von Sam. „Das ist der absolute Wahnsinn!“ Wir laufen die Treppen hinauf, nur um an der Schwelle des Auditoriums abrupt innezuhalten. Das Emblem des Kommunismus mit Hammer und Sichel thront über dem zerstörten Raum. Licht strömt durch die zahlreichen Löcher im Dach und scheint auf die Wände, die noch immer mit Überresten der Mosaike geschmückt sind, die Marx, Engels und Lenin und ihnen gegenüber Blagoev and Dimitrov darstellen. Der Kopf Zhivkov’s wurde mit roher Gewalt entfernt. Während seiner Amtszeit bekämpfte der Diktator Bulgariens die politische Oppostion mit rücksichtsloser Härte und die Wut darüber ließ man in den vergangen Jahren an seinem Konterfei aus (‚It’s just a head‘).

Buzludzha UFO in Bulgarien

Buzludzha UFO in Bulgarien

Buzludzha UFO in Bulgarien

Buzludzha UFO in Bulgarien

„Leute, schaut euch das an!“ Wir sammeln unsere Kameras ein und verlassen das ramponierte Auditorium, in dem sich der Nebel zunehmend verdichtet. Auf dem Balkon entdecken wir Tarquin, der sich über den Rand der Fenster beugt. Der Sicht über das Gebirge ist fast gänzlich versperrt, und so wenden wir den Blick über das fragile Gerüst um uns herum. Der Boden steht unter Wasser, die Seitenmauern sind eingefallen und auch hier ist das Dach gelöchert wie ein Schweizer Käse. Von außerhalb erscheint das Monument wie eine massive Festung, doch innerhalb des Buzludzha wird klar, dass es sich nur noch um einen zerbrechlichen Schatten des ehemalig kommunistischen Bulgariens handelt.

WayToBuzludzha

Buzludzha UFO in Bulgarien

Buzludzha UFO in Bulgarien

Buzludzha UFO in Bulgarien

Buzludzha UFO in Bulgarien

Buzludzha UFO in Bulgarien

Buzludzha UFO in Bulgarien | Klare Sicht für 5 Minuten

Buzludzha UFO in Bulgarien

Buzludzha UFO in Bulgarien

Der Rückweg

Nach einer knappen Stunde beschließen wir uns auf den Rückweg zu machen. Wir wissen, dass viele auch den Turm über eine Leiter besteigen, doch innerhalb kürzester Zeit hat sich das ohnehin nur spärlich vorhandene Tageslicht zurückgezogen und uns in tiefschwarzer Finsternis zurückgelassen. Zudem ist das unbeaufsichtigte Mahnmal in einem sichtlich schlechten Zustand und keiner von uns hat Interesse daran, das Schicksal unnötig herauszufordern. Lichter gibt es bis auf unsere Taschenlampen keine und so schaffen wir es nur mit vereinten Kräften hinaus ins Freie.

Der Steinweg, der nach unten führt, ist schnell gefunden, doch die Sicht ist trotz der kleinen Lampenkegel getrübt. Das kaltnasse Wetter vom Tag hat sich mit Sonnenuntergang in einen Eissturm verwandelt und peitscht laut und rücksichtslos um unsere Köpfe. Binnen weniger Minuten ist mein Kunstfell an der Kaputze steif gefroren und meine behandschuhten Finger kaum bewegungsfähig. Ich verstaue mit Mühe meine Kamera in meinem Rucksack und bin froh über das Extra-Paar Socken und die Strumpfhose unter der Jeans.

Der Pfad bahnt sich einen schnurgraden Weg runter zum Fuß des Berges, doch er wird zunehmend steiler. Um die spiegelglatten Steinplatten zu umgehen, bahnen wir uns mühsam einen Weg durch das gefrorene Gras. Doch auch hier ist das Gefälle enorm und so passiert, was passieren muss: Mit meinen Sneakers, die optimal eingelaufen und ideal für lange ebenmäßige Strecken und Städetrips sind, komme ich beim Ausweichen eines alten Stromkabels auf eine der Steinplatten. In feinster Zeichentrickfilm-Manier haut es mich kurzerhand um und nach einen Segelflug auf meinen Allerwertesten schlittere ich über die Steinplatten den Pfad hinab.

Ich versuche mich an den vereisten Büschen am Wegrand festzuhalten, doch sie gleiten wie Seide durch meine klammen Finger. Stattdessen hinterlassen sie nur lange Dornen in dem groben Strick meiner Handschuhe, während ich mehr und mehr Fahrt aufnehme. Blind ohne Licht drehe ich mich auf den Bauch, auf die Seite und wieder auf den Rücken und merke, wie ich zur anderen Seite des Pfades abdrifte. Ich kann nicht erkennen, wie tief es dort bergab geht und schlage panisch meine Hacken auf die Steinplatten, ein verzweifelter Versuch mich abzubremsen, doch es hilft nichts. Ich werde immer schneller und ich merke, wie all meine Versuche, mich abzubremsen nichts helfen.

Schlagartig bekomme ich Panik und fange an zu schreien. Dann plötzlich bin ich in der Luft, spüre, wie mein Körper über die Kante des Weges gleitet und hab nur einen Gedanken. „Das war’s.“ Kurze Zeit später lande ich nur einen Meter tiefer neben den Steinplatten im Geröll, schmerzhaft zwar, aber bis auf ein paar Blessuren unverletzt. Ich schicke ein, zwei, fünf, acht Stoßgebete zum Himmel und erhebe mich langsam und am ganzen Körper zitternd. Um mich herum ist alles dunkel und irgendwo hinter mir höre ich meine Begleiter meinen Namen rufen, während ich keuchend einen kurzen Lacher ausstoße. „Mir geht’s gut. Neben dem Weg ist ’ne Art Graben.“

Sam und Tarquin strecken ihre Arme aus und ziehen mich mit einem Ruck über die spiegelblanken Platten, nachdem sie mich eingeholt haben. Den Rest des Weges werde ich abwechselnd von den Jungs gestützt, da meine Beine so zittern, dass sie mir kaum gehorchen wollen. „Ich wollte dich noch greifen,“ sagt Tarquin, „aber du warst so schnell weg – und dann dieser Schrei! So habe ich noch nie jemanden schreien hören.“ Sam stimmt ihm zu.  „Hörte sich an wie im Film. Ich meine, als wenn du stirbst,“ sagt er schaudernd. Ich sage nichts und schäme mich fast ein wenig für diesen Ausbruch. Aber wenn ich ehrlich bin, hatte ich kurze Zeit auch nicht gewusst, was mich als nächstes erwarten würde.

Wir kommen nur langsam voran. „Jetzt bist du schon so weit geschlittert, da hättest du auch gleich den ganzen Weg herunterrutschen können,“ meint Tarquin. Ich lache laut und ehrlich auf. Wo er Recht hat.. Nach einer halben Ewigkeit sehen wir in weiter Entfernung endlich die Scheinwerfer des Vans am Fuß des Berges stehen. „500 Meter, am Arsch!“ rufe ich und wir lachen wieder.

Disclaimer

Disclaimer: Zusammenfassend kann ich sagen, dass der Ausflug zum Buzludzha ein spannendes, aber auch riskantes Erlebnis war. Aufgrund des schlechten Zustands der Anlage kann ich keinem empfehlen, das Innere des Monuments selbst zu besuchen. Ganz offensichtlich fällt es langam aber sicher in sich zusammen und uns allen was sehr schnell bewusst, dass wir das UFO in diesem Zustand sehr wahrscheinlich nicht wiedersehen werden. Offizielle Touren zum Monument gibt es keine mehr, auch das Innere des Gebäudes ist für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich.

Zugleich gibt es jedoch keine Beschränkungen, sich dem Gebäude zu nähern oder Fotos von außen zu machen, was ich euch empfehlen kann. Jedoch nicht unbedingt bei Eis und Schnee. Und nur bei Tageslicht, da es keine Laternen und nur ungepflegte Wege gibt.. 😉 Aufgrund des schlechten Zustands des Monuments gibt es letztlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder wird jemand in nächster Zeit eine Menge Geld in die Hand nehmen und das Gebäude und den Turm restaurieren. Oder es wird irgendwann unter der Last der Elemente in sich zusammen fallen. Hoffentlich nur dann, wenn Niemand durch das kleine Loch ins Innere des Buzludzhas gestiegen ist. 

2 Kommentare

  1. Der Name bereits deutet auf ein cooles Abenteuer hin. Er ist türkischen Ursprungs, bedeutet „Eisiges“. Ein schönes Abenteuer und eigentlich gar nicht so weit weg.

    Gut wäre natürlich zu wissen, wie sich An-/Abreise gestalten, übernachten etc. Wie könnte der Leser das nacherleben, wen er wollte? Das Nachzumachen wird zwar von Euch abgeraten, aber wer dennoch den Kitzel sucht ….

    Gruss von der http://www.wegsite.net

    • Hallo Aras, das ist eine gute Idee. Werde einen zusätzlichen Blogpost dazu verfassen 🙂
      Danke dir und hab einen schönen Tag!

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