Bulgarien, Postkarten
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Eine Reise zum Buzludzha – UFO

Buzludzha Monument | Bulgaria | ARR ©FK

Es ist Dezember und unglaublich kalt. Die Straßen, die zum Buzludzha-Gipfel im Balkangebirge führen, sind aufgrunddessen vereist und kaum passierbar. „Oh verdammt,“ presst Andy, unser Fahrer, neben mir zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, dann spüre ich es auch. Die Reifen haben ihren Grip verloren und der in die Jahre gekommene Van beginnt unkontrolliert über die vereiste Straße zu schlittern. Er dreht sich seitlich und rutscht auf die ungeschützte Kurve zu, hinter der sich die alten, stockwerkhohen Tannen emporstrecken.

Eine Schlitterpartie am Abhang

Andy beginnt hektisch am Steuer zu reißen und schafft es, den Kühler gegen die Ecke der Leitplanke zu setzen. Der Aufprall schüttelt uns durch, mein Kopf schlägt unsanft gegen die Autodecke, eine Mitreisende schreit angsterfüllt auf. Vor mir sehe ich plötzlich einen kleinen Mietwagen an der Felswand stehen, um die sich die kleine Bergstraße windet. Zwei blasse Gesichter starren entsetzt zurück. Andy versucht noch immer, den unkontrollierbaren Van zu lenken und nur knapp rollt unser Auto an dem Kleinwagen vorbei. Die Luft ist erfüllt von grellen Schreien und ich halte selbst erschrocken die Luft an, als wir mit zwar nur sehr geringem Tempo, aber auf dem direktesten Weg selbst auf das Gestein zusteuern. Ein weiteres Mal hebt es mich kurz aus meinem Sitz, als der Kühler mit der rechten Seite gegen die Wand prallt und endlich auf der Straße zum Stehen kommt. Neben mir höre ich Andy ausatmen. „Verdammt… Geht’s allen gut?“

Mein Herz rast, als wir langsam aussteigen. Weiter unten auf der Straße steht ein Ford Combi, der das Spektakel aus nächster Nähe beobachten musste und selbst nicht vom Fleck kommt. Mit ausgestreckten Armen versuche ich mein Gleichgewicht zu halten, während ich langsam, in einer Hand das alte Warndreieck, zurück zur Kurve auf den vereisten Grünstreifen zugehe. Das Gras bricht unter meinen Schuhen, gibt mir aber Halt, mehr Halt als die spiegelglatte Straße. Keine Menschenseele ist weit und breit zu sehen, als ich das Warndreieck auf der Straße platziere. Mein Atem bildet weiße Rauchwolken vor meinen Augen und die kalte Luft schmerzt in meinen Lungen. Wenige Meter hinter mir tauschen Tarquin und Sam ihr Entsetzen über den Unfall aus.

„Es hätte nicht viel gefehlt und wir wären den Abhang runter. Wäre wir nicht mit der Stoßstange an die Leitplanke gekracht-“

„Ja, welcher Idiot lässt eigentlich genau in der Kurve die Leitplanke auslaufen?“ unterbricht Tarquin ihn und beide schütteln mit dem Kopf.

„Naja, vielleicht war die Leitplanke ja nicht immer unterbrochen,“ gebe ich zu bedenken und mit stillem Grauen schauen wir zur Kurve zurück.

Buzludzha UFO in Bulgarien

Reise zum Buzludzha UFO in Bulgarien

Auf dem Rückweg gehe ich zum Rand der Straße. Die Grasfläche wurde von den Reifen aufgewühlt und die frische Erde dampft in der eiskalten Luft. Vorsichtig linse ich über den Rand der Kurve. Gute 100 Meter geht es steil bergab, während hohe kräftige Tannen den Wald auf allen Höhen säumen. Neben mir kommt Tarquin zum Stehen. „Das hätte richtig übel ausgehen können..“ Ich schaudere.

„Komm,“ sagt er leise. „Lass uns zurück zum Wagen gehen. Andy lässt den Motor laufen, hier draußen ist es ja kaum auszuhalten.“ Ich zögere. „Sollte man sich in einer solchen Situation nicht lieber vom Auto fernhalten?“ frage ich durch meine klappernden Zähne. Er lächelt unsicher und hebt die Schultern. „Normalerweise würde ich dir zustimmen. Nur sind wir hier im eiskalten Winter im tiefsten Bulagrien auf einer Straße zu einem Denkmal, dass offiziell gar nicht besucht werden darf. Wenn wir Pech haben, kommt hier niemand mehr vorbei.“ Tatsächlich werden es keine halbe Stunde später vier Autos auf einem Haufen sein, die an eben dieser Stelle abgeschleppt werden müssen.

Tatsächlich werden es keine Stunde später vier Autos auf einem Haufen sein, die an eben dieser Stelle abgeschleppt werden müssen.

Buzludzha UFO in Bulgarien

Bergab.

„Andy will zurück zum Restaurant an der Hauptstraße laufen und Gäste mit 4×4-Wagen um Abschlepphilfe bitten. Der Fahrer vom anderen Wagen wird ihn begleiten.“ sagt Sam, als wir uns dem Wagen nähern. Ich nicke und ziehe die Kaputze tiefer ins Gesicht, während ich meine behandschuhten Hände reibe, die schon jetzt eiskalt sind. Wir sind fünf Hostelgäste, die sich für den heutigen Tag für die „UFO-Tour“ angemeldet haben: Sam, Tarquin, die zwei spanischen Reisenden und ich.

Die beiden Mädels sitzen bereits wieder im mollig warmen Auto, als wir dazu stoßen und unterhalten sich über die fatale Fehlentscheidung des Tourguides. „Der Geländewagen des Hostels ist kaputt und trotzdem fährt er den gleichen Weg. Er meinte noch, dass die Strecke eher etwas für Geländewagen ist. Wie leichtsinnig!“ Wir alle sind sauer, verständlicherweise. Dennoch werfe ich die Frage in die Runde, die alle interessiert. „Wenn das Auto noch fahrtüchtig ist, wollt ihr trotzdem noch zum Buzludzha?“ Ich drücke mir selbst die Daumen und bin froh, als die Entscheidung einstimmig auf „Ja, natürlich!“ fällt. Dass dieser Zwischenfall nicht unser einziges Abenteuer an diesem vereisten Dezembertag bleiben sollte, ahnen wir dort noch nicht.

WayToBuzludzha

Langsam lockert sich die Stimmung im Auto auf. Es ist warm und der Schrecken schon wieder verdrängt. Sam holt seine Videokamera raus und bittet uns, die Situation für seinen Film etwas zu beschreiben. Noch während er filmt, sehe ich, wie um die Kurve ein roter Kleinwagen rollt. „Seht nur, Andy ist schon zurück!“ Alle drehen den Kopf nach hinten und jubeln. „Will er nicht mal langsam anhalten?“ meint Tarquin nach einigen Sekunden trocken, als der Wagen zielsicher auf uns zusteuert. „Hey, das ist unser Platz!“ scherzt noch jemand und da ist es schon passiert: Mit geringem Tempo, aber zielsicher, fährt der Wagen ungebremst hinten in unser malträtiertes Auto rein und schiebt es noch weiter an den Felsen entlang. Schnell merken wir, dass mittlerweile der vierte Wagen in der Kurve gestrandet und keine Spur von Andy weit und breit zu sehen ist.

Der Fahrer des Wagens ist sauer und verlangt seinem kleinen Auto einiges ab. Immer wieder tritt er auf das Gaspedal und lässt die Reifen quietschen, einzig und allein mit dem Resultat, dass er wieder und wieder gegen den Van des Hostels schlägt. Jegliches Zureden ist zwecklos und mittlerweile haben sich alle Unfallbeteiligten von den Wagen entfernt. Auch der Fahrer des Fords ist ausgestiegen, redet auf den hysterischen Landsmann ein, kann ihn jedoch nicht von weiteren Selbstrettungsaktionen abbringen.

Als die Nerven schließlich blank liegen, taucht nach einer gefühlten Ewigkeit endlich Andy mit der Polizei und einem Geländewagen auf und befreit langsam ein Auto nach dem anderen aus der prekären Lage. „Geht schon mal vor, ich treffe euch oben an der Straße und teste, ob das Auto noch fahrtüchtig ist. Wenn es zu lange dauert, kommt ihr an dem Imbiss vorbei, den wir vorhin passiert haben. Esst etwas und wartet dort auf mich,“ dirigiert Andy und ist im nächsten Augenblick in ein Gespräch mit einem der Polizisten verwickelt.

Die Reise zum Buzludzha

Eine Stunde später sitzen wir gesättigt und aufgewärmt im Wagen, der auf wundersame Weise nur Blechschäden davongetragen hat. „Es ist mittlerweile 15:00 Uhr und in dieser Zeit des Jahres wird es schnell dunkel. Wenn ihr wollt, fahren wir weiter zum Buzludzha,“ sagt Andy und fügt gleich hinzu: „Allerdings werdet ihr maximal eine Stunde Zeit haben, bevor es dunkel wird.“ Natürlich entscheiden wir uns einstimmig dafür und setzen die Reise endlich fort.

Buzludzha UFO in Bulgarien

Eiseskälte Anfang Dezember | Bulgarien

Mit einer dreistündigen Verspätung erreichen wir schließlich unser Ziel, den Buzludzha im Balkangebirge. Der Himmel ist dunkel und verhangen, die Sichtweite beträgt nur wenige Meter. Die Temperaturanzeige, die zwischenzeitlich auf 4 Grad gestiegen ist, fällt wieder rapide ab. Die Stimmung im Wagen ist euphorisch. „Ungefähr dort oben steht das UFO,“ meint Andy und macht wage Handbewegungen in Richtung eines Punktes auf dem Gipfel des Gebirges. Wir pressen unsere Gesichter gegen die Fensterscheiben und versuchen zumindest Umrisse auszumachen, aber die Nebelwand gibt die Sicht nicht frei. Bei einer großen Statue biegen wir in die Zufahrt ein.

Die Straße ist in einem schlechten Zustand, wenn auch besser befahrbar als die Alternativroute für Geländewagen. „Ich denke, ich werde im Wagen warten, hier unten. Ich setze euch nur schnell oben ab. Die Temperaturen werden bald wieder unter null sein und ich möchte das Abenteuer von eben nicht wiederholen. Ich zeige euch gleich einen Fußpfad, den ihr nehmen könnt. Er ist ziemlich gut in Schuss, mit Steinplatten ausgelegt und führt vom Monument nur 500 Meter runter zur Straße. Am Ende warte ich dann auf euch.“ Wir nicken zustimmend, klingt doch ganz simpel!

Buzludzha UFO in Bulgarien

Buzludzha UFO in Bulgarien

Für weitere Überlegungen bleibt auch keine Zeit, da in diesem Augenblick die Wolkendecke aufreißt und einen kurzen Blick auf das Buzludzha Monument freigibt. Ehrfürchtig hält jeder im Wagen die Luft an, dann ist die Luft erfüllt vom Klicken der Kameraauslöser. Träge ziehen Nebelschwaden am UFO vorbei, lassen die Szenerie unwirklich erscheinen, bevor sie das Monument nur wenige Augenblicke später wieder verschlucken. Hätten wir die Reise nach dem Unfall abbrechen sollen? Vermutlich schon.

Lest hier, wie das Abenteuer Buzludzha weitergeht!

Teil 2: Der Fluch des verlassenen Buzludzha-Monuments (coming soon!)

Kategorie: Bulgarien, Postkarten

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Eine 29-jährige Reisewütige mit der Leidenschaft für schöne Fotografie und dem Ziel, andere Leute für fremde Kulturen und exotische Länder zu begeistern.

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